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01.08.2017 11:20 Age: 23 days
Autor: Martin Brosy

Verbraucher sollten das Zinstief nutzen

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Der Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB), an den Niedrigzinsen festzuhalten, wird bereits seit längerer Zeit kritisiert. Nun endlich scheint es, dass es in naher Zukunft zu einem Kurswechsel kommen könnte. EZB-Chef Draghi stellte im portugiesischen Sintra eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik in Aussicht. Für Verbraucher bedeutet dies, die Gunst der Stunde zu nutzen, um doch noch vom günstigen Geld zu profitieren. Oder ist alles nur Fassade?

Mario Draghi auf einer Pressekonferenz in März in Frankfurt am Main

Bild: EZB-Chef Mario Draghi steht in der Kritik und kündigte kürzlich ein mögliches Ende der europäischen Niedrigzinspolitik an. Bildquelle: 360b – 598691471 / Shutterstock.com

Es ist schon faszinierend, wie schnell die Digitalisierung voranschreitet. Unsere Gesellschaft wird praktisch wöchentlich von neuen Disruptionen erschüttert. Das Internet macht es möglich. Davon profitieren derzeit aber nicht nur Unternehmen, sondern auch die Verbraucher. Dies gilt unter anderem auch für die Finanzwirtschaft.

Mittlerweile entstammt jeder vierte Ratenkredit aus dem Internet. Vergleichsportale stellen die günstigsten Kreditangebote der Bankinstitute zusammen. Verbraucher müssen nur noch die für sie besten Konditionen auswählen, sich mit dem Anbieter in Verbindung setzen, ihre Identität über Video-Ident bestätigen und bei entsprechender Bonität landet das Geld wenige Tage, mitunter gar nach einigen Stunden auf dem Girokonto. Einfacher geht es nicht. Und auch die Wirtschaft freut sich.

So funktioniert Video-Ident

  1. Seit der Einführung 2014 kann Video-Ident für ganz unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden. Am häufigsten nutzen das neue Identifizierungsverfahren Kreditinstitute, beispielsweise bei der Abwicklung von Girokonto-Eröffnungen oder Kreditanträgen. Unterschriften sind nicht mehr notwendig.
  2. Zwingend notwendig ist eine intakte Internetverbindung. Das Video-Ident-Verfahren kann sowohl vom Desktop-PC wie auch vom Smartphone oder Tablet abgewickelt werden.
  3. Über das jeweilige Endgerät wird ein Videoanruf gestartet. Welche Software hierfür verwendet wird, hängt vom Anbieter ab. Sehr oft kommt mittlerweile der Messenger-Service Skype zum Einsatz, der aber nicht zwingend auf dem Endgerät installiert sein muss.
  4. Bereits vor dem Videotelefonat wird der Kunde aufgefordert, ein gültiges Ausweisdokument bereitzuhalten. Dies kann entweder der Reisepass oder Personalausweis sein.
  5. Während der Videotelefonie muss das Dokument vor die Kamera gehalten und geschwenkt werden. Nur so ist es dem Mitarbeiter des Unternehmens möglich, Sicherheitsmerkmale wie das Hologramm zu überprüfen.
  6. Zeitgleich werden Fotos angefertigt. Auch die Ausweisnummer wird erfasst. Nutzer müssen diesem Prozess zustimmen, andernfalls ist das Video-Ident-Verfahren zur Identifikation der eigenen Person nicht möglich.
  7. Um die Identitätsprüfung abzuschließen, muss eine Nummer in ein vorgefertigtes Formular eingetragen werden. Diese Nummer erhalten Verbraucher entweder per Mail oder SMS. Wurde die TAN bestätigt, ist die Identitätsprüfung beendet und der Antrag auf z.B. einen Kredit kann genehmigt werden.
  8. Insgesamt sollte der Prozess nicht länger als drei bis fünf Minuten andauern. Im Vergleich zum alten Post-Ident-Verfahren ist diese Identitätsprüfung wesentlich schneller abzuwickeln. Zudem können Verbraucher fortan rund um die Uhr und auch am Wochenende Anträge stellen und ihre Identität online bestätigen.

Kreditgeschäft in Deutschland boomt

Auch dies mag erklären, warum die auf Kreditgeschäfte in Deutschland spezialisierten Unternehmen kürzlich einen neuen Umsatzrekord vermelden konnten. 2015 stieg das vom Bankenverband in Frankfurt errechnete Kreditvolumen auf 141,3 Milliarden Euro an. Dies ist ein beachtenswertes Plus von 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Einen besonders hohen Zuwachs konnte darunter das Online-Kreditgeschäft verzeichnen. Fast 23 Prozent konnte die Online-Kreditvergabe im Vergleich zu 2015 zulegen, die vordergründig, aber nicht nur auf die Bereitstellung von Privatkrediten abzielt. Bei den gewerblichen Finanzierungen gab es aber immerhin noch ein Plus von sieben Prozent zu verzeichnen.

Infografik über Boom der Online-Kredite

Bild: Online-Kredite boomen. Dieses hat natürlich seine Gründe und diese liegen vor allem in der Möglichkeit, Kreditkonditionen einfach vergleichen zu können. Bildquelle: boersenpoint.de

„Die Digitalisierung bietet gute Wachstumschancen für Anbieter von Finanzierungen“, so Jan Wagner, Vorstandsvorsitzender des Bankenfachverbandes. Das hat auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Durch das wachsende Kreditgeschäft im Zuge der Digitalisierung wurde die Belegschaft bei Kreditbanken in absoluten Zahlen um 45.000 Mitarbeiter aufgestockt. Das sind elf Prozent Zuwachs in Relation zum vorherigen Stand.

Allerdings darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden, dass die Anzahl der stationär agierenden Banken um fünf Prozent zurückging, was natürlich ebenfalls auf das boomende Internet-Geschäft zurückzuführen ist.

Ende der Niedrigzinsphase in Sicht?

Die hohe Online-Nachfrage basiert aber natürlich nicht einzig und allein auf der Einfachheit im Internet, sondern hat natürlich auch mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zu tun. Bei einem Leitzins von 0 Prozent können sich die nationalen Banken zu besonders günstigen Konditionen mit Geld eindecken. Davon profitieren auch Kreditnehmer, die derzeit so günstig wie nie an Gelder für ihre Finanzierungsvorhaben gelangen.

Als Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre gestartet, hat die Niedrigzinspolitik allmählich aber dazu beitragen können, dass es der europäischen Binnenwirtschaft deutlich bessergeht. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass EZB-Chef Mario Draghi die eindeutigen Signale für den Aufschwung nicht länger missachten kann. Als Draghi Ende Juni im portugiesischen Sintra von einer „graduellen Anpassung“ des Leitzinses sprach, signalisierte der EZB-Chef eine mögliche Abkehr von der aktuellen Geldpolitik.

„Wenn die Erholung anhält, dann wird eine unveränderte Geldpolitik akkommodierender, und die Zentralbank kann die Erholung begleiten, indem sie die Parameter ihrer Politikinstrumente anpasst - nicht, um die geldpolitische Ausrichtung zu straffen, sondern um sie weitgehend unverändert zu halten.“

- Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank

Etwas konkreter ausgedrückt bedeutet dies allerdings, dass es derzeit noch keine direkten Hinweise darauf gibt, dass es in naher Zukunft eine Zinserhöhung geben könnte. Dies bestätigten unter anderem auch Analysten der Commerzbank. Experten gehen davon aus, dass die EZB von der expansiven Geldpolitik aller Wahrscheinlichkeit nach erst 2018 abkehren wird.

Bis dahin müssen Verbraucher also nicht befürchten, dass es schon bald kein günstiges Geld mehr geben wird. Wer also eine oder mehrere Investitionen in diesem Jahr plant, hat noch genügend Zeit, sich nach einem günstigen Kredit umzuschauen. Ob er dieses Vorhaben direkt über seine Hausbank vor Ort abwickelt oder dafür eins der bereits angesprochenen Kredit-Vergleichsportale nutzt, das bleibt natürlich jedem selbst überlassen.

Bildquelle: 360b – 598691471 / Shutterstock.com

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Über den Autor (*)

Martin Brosy

Martin Brosy
Boersenpoint

Martin Brosy betreibt die Börsenplattform und das Börsenspiel www.boersenpoint.de . Mit dem Beginn seines BWL-Studiums 2009 fing Herr Brosy damit an Aktien und Devisen erfolgreich zu traden.
Als Chefredakteur von Boersenpoint veröffentlicht er täglich seine Gedanken zu interessanten Aktien und komplexen Volkswirtschaftlichen Zusammenhängen.

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